Ein Tornado im Westerwald
am 19.08.2000

In der Nacht vom 18.08. auf den 19.08.2000, ca. 04:05 MESZ ereignete sich im unteren Westerwald im Rahmen eines Schwergewitters ein Tornado.
Da die entstandenen Schäden sehr beeindruckend waren, habe ich mich dazu entschlossen, dieses Ereignis auf einer Website zu dokumentieren.
Anhand der aufgetretenen Schäden wurde der Tornado von Experten nachträglich als F2/T4 - Tornado eingestuft. Dies entspricht einer Windgeschwindigkeit von 184 - 220 km/h.

Ein weiteres Anliegen ist, aufzuzeigen, dass das Auftreten von Tornados nicht nur in den USA, sondern auch in Europa bzw. Deutschland möglich ist. Der Unterschied zu den USA liegt in der Gesamtzahl des Auftretens von Tornados, dabei ist die prozentuale Verteilung der Stärke mit der in Europa vergleichbar. Auch in Deutschland sind starke bis verheerende Tornados möglich, wie Recherchen von TorDACH in der Historie zeigen. Ein aktuelles Beispiel in der jüngsten Vergangenheit ist der, als schwerer Tornado (F3/T7) eingestufte, Tornado von Micheln vom 23.Juni 2004 in Sachsen-Anhalt.

Meinungen, Anregungen oder Kritik bitte ich an folgende E-Mail-Adresse zu schreiben:
marcus@schaeffer-wetter.de
Vielleicht finden sich auf diesem Weg noch Maxsainer Bürger, die evtl. weitere Fotos oder Tatsachen bereitstellen könnten.

Marcus Schaeffer, 22/09/2001 (zuletzt überarbeitet am 24.08.2006)

Fast alle Karten und Bilder lassen sich durch Anklicken vergrößern


Artikel in der Rhein-Zeitung vom 21.08.2000
Sturm wütete heftig

Schwere Schäden in Siershahn angerichtet

WESTERWALDKREIS. Ein schweres Unwetter hat in der Nacht zum Samstag im unteren Westerwald riesige Schäden angerichtet. Besonders die Gemeinde Siershahn war betroffen, erlebte buchstäblich die stürmischste Kirmes seit Menschengedenken. Ein Tornado beschädigte etwa 20 Häuser zum Teil erheblich.
Aber auch in Wirges tobten die windigen Gewalten. In der Max-Planck-Straße stürzten Bäume auf einen in der Hauseinfahrt abgestellten Jaguar. Am Friedhof, in der Bahnhofstraße und bei der Oberland-Glas knickten Bäume wie Streichhölzer um. Am Stadion Wirges wurde das Trainerhäuschen umgelegt. Auch in Wirges wurden Dächer abgedeckt - so etwa an einem Anwesen in der Schlesischen Straße. Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz, mussten vollgelaufene Keller in Nauort, Höhr-Grenzhausen, Wittgert und bei den Schütz-Werken in Selters leer pumpen.
Umgestürzte Bäume blockierten Straßen bei Wirges, Helferskirchen und vor allem in der Verbandsgemeinde Selters. Zwischen Freilingen und Maxsain wurden mehrere Baumriesen entwurzelt. Die L 304 war dicht - der Verkehr musste von der Feuerwehr umgeleitet werden. Noch am Mittag war die Verbindung von der L 304 in Richtung Weidenhahn gesperrt. Dort lagen gewaltige Buchen quer über der Fahrbahn und ließen Erinnerungen an "Wiebke" aufkommen, den Sturm, der vor gut zehn Jahren ganze Wälder abrasiert hatte. (met/jgm)

Die Wetterlage am 18.08. und 19.08.2000

Wetterkarte vom 19.08.2000 2:00 Uhr MESZ (DWD)Große Teile West- und Mitteleuropas lagen am 18.08.00 wie bereits seit einigen Tagen, auf der Vorderseite eines Langwellentroges, der sich über dem Ostatlantik immer wieder regenerierte. So herrschte über Deutschland eine gut ausgeprägte südwestliche Höhenströmung. Hierin waren kurze Wellen eingelagert, die nordostwärts wanderten. Wegen der für sommerliche Verhältnisse recht hohen Windgeschwindigkeit mit bis zu 90 Knoten in 300 hPa (= 166,7 km/h in ca. 9500m Höhe; Anm. d. A.) zogen mit diesen Randtrögen auch kräftige und wetterwirksame Hebungs- bzw. Absinkgebiete über Mitteleuropa hinweg. In der Bodenwetterkarte vom Samstag erkennt man eine Front, die sich von Spanien nordostwärts Richtung Polen und Russland erstreckt. Diese Front hatte sich im Laufe des Freitags von Süddeutschland an der Westflanke des Hochs über der Ukkraine als Warmfront bis zur Mitte Deutschlands nach Norden verlagert. Sie trennte eine potentiell instabil geschichtete und feucht-warme Luftmasse im Süden von etwas trockenerer und kühlerer Luft im Norden. Bereits in den Frühstunden des Freitags griff von Frankreich und der Schweiz her ein Hebungsgebiet auf den frontalen Bereich über und löste zunächst in Baden-Württemberg und später auch in Bayern zahlreiche Gewitter aus. Im weiteren Tagesverlauf folgte aber ein Absinkgebiet nach, so dass von den Mittagsstunden bis zum Abend im Frontgebiet keine Niederschläge mehr beobachtet wurden. Lediglich südlich der Front traten in der schwülen Luftmasse vereinzelt schauerartige oder gewittrige Niederschläge auf. Am Abend näherte sich von Westen her ein neues Hebungsgebiet und aktivierte das Wettergeschehen an der Front erneut. So setzte von der Eifel her gewittriger Regen ein, der sich im Laufe der Nacht zum Samstag in einem breiten Streifen bis nach Vorpommern ausweitete. In diesem Zusammenhang wurden zum Teil ergiebige Niederschlagsmengen in kurzer Zeit gemessen, z.B. in Mendig 36 l/m², aber auch in Ückermünde fielen 16 l/m². Im Satellitenbild erkennt man die frontale Bewölkung, die sich vom spanischem Galizien bis nach Südskandinavien erstreckt. Besonders am südlichen Rand zeigen sich die Gewittercluster. (siehe Meteosat-Bild unten) [...]
Meyer / DWD
Wetterkarte und -bericht sowie Meteosat-Bild wurden freundlicherweise vom
Deutschen Wetterdienst zur Verfügung gestellt.Deutscher Wetterdienst


Superzelle über Deutschland, 19.08.2000, 6:09 Uhr MESZSatellitenbild am 19.08.2000 um 6:09 MESZ.

Die Superzelle, welche über der Mitte Deutschlands liegt, hatte ca. zwei Stunden zuvor den Tornado im Westerwald ausgelöst.
Meteosat, 19.08.2000 2:00 Uhr MESZInfrarotbild von Meteosat am 19.08.2000 um 2:00 MESZ.

Frontale Bewölkung von Nord- Spanien bis Südskandinavien mit eingelagerten Gewitterclustern.
   

Blitzverteilung um 3:15 UhrÜbersicht der Blitzverteilung am 19.08.2000
um 3:15 MESZ.

Ca. 50 Minuten später (4:05 Uhr) wurde
vom linken Gewittercluster der Tornado
in Siershahn ausgelöst.






© Siemens AG 2000
onweb.blids


Schadensübersicht und Tornadospur in Siershahn und Wirges
Nach Besichtigung der betroffenen Ortschaften lassen sich die Schäden wie folgt zusammenfassen (in Reihenfolge der rekonstruierten Spur in der Karte).
Wirges:   
  • umgestürztes Trainerhäuschen am Sportplatz
  • umgestürzte Bäume am Friedhof
  • zwei teilweise abgedeckte Häuserdächer im Ort
  • umgestürzte Bäume hinter der Bahnlinie
Siershahn:
  • umgestürzte Bäume am Rand der Tongrube (im Süden)
  • 400 m lange Spur im Ort mit etwa 20 beschädigten Häusern
  • umgestürzte Bäume am Rand der Tongrube (im Norden)
Tornadospur in Siershahn und WirgesErläuterung zur Karte:

Rote Markierungen sind Stellen, an denen
Schäden festzustellen waren.

Die blaue Linie stellt den wahrscheinlichen
Verlauf des Tornados dar.
Vermutlich verlief
die Tornado-Spur zwischen den Orten und
hinter Siershahn durch die Tongruben.


Zu den Schäden in Siershahn läßt sich sagen, daß bis auf ein teilweise und ein komplett abgedecktes Hausdach "nur" die Giebel bzw. Schornsteine der Häuser beschädigt wurden. Ebenso waren auch nur in einem Garten Bäume umgeknickt. Bäume in anderen Gärten blieben unversehrt, obwohl die Dächer beschädigt waren; d.h. die Bäume reichten nicht hoch genug, um beschädigt zu werden.

Schadensübersicht und Tornadospur in einem Waldstück bei Maxsain
Tornadospur mit der großen Schneise bei Maxsain Erläuterung zur Karte:

Farbig ausgefüllte Flächen sind vollständig zerstörter Wald.
Schraffierte Flächen sind teilweise zerstört, bzw. nur einzelne umgestürzte Bäume und abgebrochene Äste (in der Vergrößerung besser erkennbar).

Die weitaus schlimmsten Schäden hat der Tornado in einem Waldstück zwischen Maxsain und Ewighausen angerichtet. Die Gesamtlänge der hier verfolgbaren Tornado-Spur beträgt ca. 1600 Meter. Sie verläuft von Süd-West in Richtung Nord-Ost, welches auch der Zugbahn des Gewitterclusters entspricht (vergl. Blitzübersichtskarte). Die Gesamtmenge des geworfenen Holzes dieser Schneise beträgt nach Auskunft des Revierförsters ca. 1800fm Buche und ca. 300fm Eiche. Die Länge der größten Schneise, in einem reinem Buchenwald, beträgt ca. 450m, ihre Breite ca. 100m. Am Anfang und am Ende ist sie etwas schmaler. Die größten Schäden gab es parallel zum Wort "Länge" in nebenstehender Karte. Innerhalb dieser Schneise ist fast kein Baum stehen geblieben. Am Anfang der Schneise lagen viele Bäume parallel nebeneinander, was eigentlich untypisch für einen Tornado ist. Je tiefer man jedoch in die Schneise hinein gelangte, desto mehr Bäume lagen auch ungeordnet übereinander. Eine weitere Auffälligkeit ist die scharfe Abgrenzung der Schneise. Zwischen totaler Zerstörung und keinem Schaden an Bäumen liegen weniger als 5 Meter. Sehr viele Bäume wurden nach ein paar Metern Höhe "geköpft", bzw. sind auf mehreren Metern Länge zersplittert (siehe Fotos). Sie hatten zum Teil geschätzte Stammdurchmesser von 80cm. Weiterhin wurden einige Teile von Baumkronen aus dem Wald heraus auf die benachbarten Wiesen getragen und dort fallen gelassen. Bemerkenswert waren einige, mit Folie abgedeckte, Holzstapel, die scheinbar unberührt blieben. Selbst die Folie lag noch korrekt auf dem Holz und war z.B. nur durch 4 Nägel fixiert. Nach Auskunft von
Nikolai Dotzek liegt das daran, "daß das Geschwindigkeitsfeld in den untersten Metern über dem Boden so komplex ist, dass es in Wechselwirkung mit dem Erdboden/Bäumen/Gebäuden auch einmal Zonen mit ziemlich geringerer Windgeschwindigkeit geben kann".

Fotos mit Einblicken in die Schneise
(zum Vergrößern anklicken)

Overview
Blick in die Schneise von einem benachbartem Hügel
Abgrenzung
Scharfe Abgrenzung zum nicht betroffenen Wald
Am Anfang
Am Anfang der Schneise; Blickrichtung NO
In der Mitte
In der Mitte der Schneise; Blickrichtung NO
Am Ende
Am Ende der Schneise; Blickrichtung NO
In der Mitte
Blick von der Mitte zum Anfang; Richtung SW
"Explosion"
Viele Buchen sahen aus, als wären sie "explodiert"
Holzstoß
Ein offensichtlich unberührter Holzstoß
"Ich"
Dieses Foto (mit mir in der Mitte) entstand im Spät-
herbst, als die Aufräumungsarbeiten schon fortge-
schritten waren. Im Vergleich sieht man, welche
Größe die Bäume hatten, und mit welch unvorstell-
barer Kraft der Tornado am Werk gewesen ist.

"Windflüchter"
"Windflüchter" einer extremen Art


Schadensübersicht und Tornadospur in den Waldgebieten zwischen Siershahn und Maxsain
Zur Klärung ob die entstandenen Schäden durch ein oder zwei Tornados verursacht wurden, habe ich eine weitere Exkursion unternommen. Vorher wurde zur Orientierung eine gedachte Linie zwischen beiden Ereignissen gezogen, da ich die Schäden im Umfeld dieser Linie vermutete.
Tornadospur von Siershahn nach MaxsainErläuterung:

ROT: umgestürzte / beschädigte Baumgruppen, kleine und große Schneisen
GELB: wahrscheinlicher Verlauf der Tornado-Spur

BLAU: vor den Exkursionen festgelegte, gedachte Linie zur Untersuchung, ob beide Ereignisse im Zusammenhang stehen.


Insgesamt fielen in den Wäldern zwischen Siershahn und Maxsain 11 Stellen auf, in denen entweder Baumgruppen frisch umgestürzt oder beschädigt waren, oder sogar kleine Schneisen geschlagen wurden. Dabei entfallen 8 solcher Stellen auf das Waldgebiet zwischen Siershahn und Quirnbach, und 3 Stellen auf das Gebiet zwischen Quirnbach und der großen Schneise. Leider gab es im Bereich des Tales um Quirnbach keine definitiven Spuren des Tornados (außer zwei abgebrochenen Ästen an Obstbäumen, die aber nicht mit dem Tornado in Verbindung stehen müssen, wenn sie auch von der Spur her passen würden). Es ist jedoch davon auszugehen, daß beide Spuren von einem Tornado verursacht wurden.


Nach einem Jahr
Nach einem Jahr sind große Teile der Flächen wieder aufgeforstet und gegen Wildbiß eingezäunt. Die Förster haben einige Stammreste als Andenken stehen lassen. Einige von Ihnen wurden in das Alt- / Totholzprogramm des Forstamtes Selters aufgenommen. Es wird wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, bis die Schneise wieder vollständig geschlossen ist. Diese Schneise ist ein gutes Beispiel dafür, daß es Tornados auch in Deutschland gibt. Wäre die Tornadospur nur rund 800 Meter weiter westlich verlaufen, hätte sie bereits bewohntes Gebiet getroffen und für großen Schaden in der Gemeinde Maxsain gesorgt.

Links zu weiteren Themenseiten
  • www.tordach.org von Nikolai Dotzek

    TorDACH ist ein Netzwerk von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und Laien, die Informationen zu Tornados und Gewitterfallböen (downbursts) in den Ländern
    Deutschland (D) Deutschland, Österreich (A) Österreich, und Schweiz (CH) Schweiz zusammentragen. Das Ziel ist eine belastbare und möglichst vollständige Gesamtstatistik dieser lokalen Unwetter (severe local storms) in jedem der drei Länder.
  • Tornadobericht von Moritzburg (bei Dresden) von Jens Tischer, ebenfalls im Jahr 2000

    In der Nacht vom 17. zum 18. August 2000 gegen Mitternacht entwickelte sich ausgehend von einem heftigen Gewitter mit Hagel und Starkregen eine Windhose (F1-Tornado), die mit zerstörerischer Wucht große Teile des Schloßwaldes am Moritzburger Jagdschloß vernichtete.
  • www.germansevereweather.de von Johannes Dahl

    Diese Site befasst sich mit intensiven konvektiven Ereignissen in Deutschland, also mit Schwergewittern, Tornados, Downbursts und ähnlichen Phänomenen. Dort gibt es u.a. ausführliche Erklärungen zu Gewitterzellen und Tornados (man sollte jedoch etwas Grundwissen mitbringen).
  • Thomas Sävert Naturgewalten

    Alle möglichen Naturgewalten gibt es auf dieser Seite. Unter "Tornados" findet man vieles über die zerstörerichsten Stürme der Welt. Tornados gibt es nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in Deutschland.
  • www.blitzwetter.de von Mark Vornhusen

    Auch auf dieser Seite gibt es unter "Rund ums Gewitter" eine sehr gute und detaillierte Ausführung zu Gewittern und deren Begleiterscheinungen. Weiterhin gibt es dort einige Bildergalerien.

Auf allen Seiten finden sich weitere Links zu vielen Tornado-Seiten, zum Teil mit großen Bilder-Galerien.